

Futterneid
Darf ich mich vorstellen? Ich bin ein Spatz ohne festen Wohnsitz und fliege jedes Jahr im Mai zu einem schönen Haus mit einem ebenso schönen Garten. Das Haus ist am Alpenrand gelegen mit Blick ins Gebirge. Für einen gefräßigen Feinschmecker wie mich ist das Haus ein Paradies. Es hat sehr große Fenster nach Süden, gegen die eine Unmenge an Insekten fliegen und dann benommen zu Boden stürzen. Ein gefundenes Fressen. Dies gibt mir als Vogel die Möglichkeit, den ganzen Tag vor dem großen Fenster herumzuhängen und mir nur die besten Happen herauszupicken. Welch Vogel Freuden. In dem Garten leben auch Drosseln, die waren zugegeben schon immer da, zumindest so lange ich denken kann. Bis vor einer Woche, war das nie ein Problem, denn die Drosseln haben sich vornehmlich von Regenwürmern ernährt. Diesen Sommer aber gab es wenig Regen, was mich nicht besonders stört- allerdings wohl die Regenwürmer. Die Drosseln hatten das Nachsehen. Ich hätte es ahnen können, dass diese Viecher von nun an meine Ernährungsgewohnheiten genau studieren, um selbst auch leichter an vorzügliche Nahrung zu kommen. Haben diese Neidhammel nicht etwa blöd vom Baum runtergegiert, als ich mir die zarte Schmeißfliege habe schmecken lassen? Ja, haben sie. Nun warten auch die Drosseln vor der großen Fensterscheibe, bis ein Insekt gegen sie fliegt und benommen zu Boden geht. Leider sind die Drosseln größer und auch kräftiger als ich kleiner Spatz. Sie schnappen mir die Insekten vorm Schnabel weg. Ehrlich gesagt, kann ich die jetzt nicht mehr leiden. Wenn das so weitergeht, werde ich den Kuckuck aus dem Nachbargarten mal fragen, ob er nächstes Frühjahr seine Eier nicht in ihr so schönes Nest legen will.